Sonntag, 17. Mai 2015

SONNTAGSPOST | the perfect life

Concealer für die Augenringe, Make-up für Hautunreinheiten, High Heels für längere Beine, Extensions für mehr und längere Haare. Frühstück im Bett, mit weißer Bettwäsche – ist doch klar. Selfies, immer von der gleichen Seite, natürliches Licht, leichtes Lächeln – nicht zu sehr, das macht die Augen kleiner.

Wir tun alles, um uns zu optimieren, um möglichst gut dazustehen, wer könnte es uns auch verübeln? Wir leben in einer Generation der Selbstdarstellung, aufgewachsen mit und im World Wide Web. Das Smartphone ist Teil unseres Leben, Social Media gehört zum Alltag, das Internet ersetzt Radio, TV und alles, was bei unseren Eltern noch der heißeste Scheiß war.

Als ich vor Jahren im Deutschunterricht saß und mir anhörte, was die Lehrerin zum Thema Werbung und Verfälschung des Realitätsbildes und welche Auswirkungen das auf die Jugend hat. Und ich saß da, und habe es innerlich als totalen Schwachsinn abgetan. Und ich könnte nie auf diese Masche hereinfallen. Ist doch klar, dass Julia Roberts in ihrem Alter schon Falten hat, aber damit lässt sich schlecht eine Creme bewerben. Da hilft natürlich Photoshop nach. Ist doch logisch.

Aber das Internet ist noch eine ganz andere Nummer. Die Menschen hier sind echt, greifbar, man weiß, es gibt sie wirklich, es gibt einen selbst doch auch wirklich. Und jeder hier will sich bestmöglich präsentieren – und tut das auch. Und plötzlich scrollt man durch den Instagram Feed und ein perfektes Selfie kommt nach wunderschönen Outfitbildern, Designertaschen und leckerem, gesundem und hübschem Essen.

Warum sieht mein Frühstück nicht so aus?
Warum hängt an meinem Arm eine Tasche von H&M und nicht von Celine?
Warum ist meine Jeans nur von Zara und nicht von Levi’s?
Warum sitze ich im Kunstlicht vor einem Bildschirm im Büro und nicht unter Palmen am weißen Sandstrand?

Das könnte ewig so weitergehen, wenn man sich nicht selbst STOPP sagt. Denn das World Wide Web ist nichts anderes als Plakatwände, unser Gesicht nach Concealer und Make-up (und was da sonst noch hinkommt) – aufgehübscht. Klar, wir alle zeigen das echte Leben. Aber nur einen Bruchteil davon. Wenn wir aufgeräumt haben. Geschminkt sind. Die weiße Bettwäsche gewaschen ist. Wir uns Gedanken ums Outfit gemacht haben.

Und all die perfekten Bilder, die Leinwände, die wir erschaffen, die wir sehen, tagtäglich, die sind wie Julia Roberts Gesicht. Wir müssen uns nur öfter vor Augen halten, dass auch echte Menschen Photoshop haben. Und Tageslicht und Make-up. Und jeder mal hektisch irgendwas runterschlingt, bloß um etwas im Magen zu haben, wenn man in den Tag startet.

Hinter allem, was perfekt scheint, steckt ein echter Mensch, der nicht perfekt ist. Und das ist gut so, denn niemand von uns ist dafür geschaffen, perfekt zu sein. Wir sind dafür gemacht, Fehler zu begehen, vom Weg abzukommen und Augenringe zu haben. So sind wir. Und das ist verdammt gut so. Das ist nur menschlich.









Concealer for dark circles, make up for skin blemishes, high heels for longer legs, hair extensions for more and longer hair. Breakfast in bed, with white beddings – rather! Selfies, always from the same side, clean background, natural light, soft smile – do not laugh, your eyes are smaller then.

We do everything to optimize ourselves, to present us from our best side, who can blame us? We’re living in a generation of grandstanding, grown up with and in World Wide Web. Smartphones are part of our lives, Social Media belong to our daily routine, the Internet replaces radio, TV and everything else, what in our parents’ youth was the hottest stuff in town.

Years ago, as I was sitting in German class and listened to the teacher talking about advertising and distortion of reality and the impacts of it on the youth. I was sitting there, and I just thought: what a bullshit. I couldn’t never ever be taken in by such a show. It’s so clear, that for example Julia Roberts got creases, but it’s hard to make an anti-aging cream ad with that fact. So Photoshop is helping a little bit. That’s logical.

But the Internet is a very different kind of game. The people here are real, touchable, one knows, people are true, you are true. And everybody here wants to present ourselves as good as possible. And does so. And suddenly one’s scrolling through the insta feed and one perfect selfie comes after beautiful, high professional outfit pics, designer bags and great, healthy and pretty food.

Why does my breakfast not look like that?
Why is the bag on my arm by H&M and not by Celine?
Why is my denim just by Zara and not by Levi’s?
Why am I sitting in artificial light in front of a screen and not under palms on a white sandy beach?

You could ask millions of similar questions like these, if you’re not saying STOP to yourself. Because World Wide Web is nothing different than billboards, our face after putting concealer and make up (and all the other stuff) on it – prettied up. Of course we show the real life. But just a fraction of it. After cleaning up. After doing the make-up. If the white beddings are washed. We thought about what to wear today.

And all these pretty pictures, the canvas we created, we see, daily, these are like Julia Roberts. We just have to think about it. Real People do also have Photoshop. And daylight and make-up. And everybody has stressed mornings when he eat anything just to have something eaten before starting a new day.

Behind all of that, what seems to be perfect is a real person, who isn’t perfect. And that’s good so, because nobody of us is made for being perfect. We’re made to make mistakes, to lose our way and to have dark circles. That’s the way we are. And that’s a good thing. That’s human.

Kommentare:

  1. Oh wow! Supertoller Text, wahre Worte die einen beruhigen, vorallem wenn man während des Lesens rechts deine perfekten Instagrambilder sieht:D Dein Blog gefällt mir sehr, hast eine neue Leserin:)
    Liebe Grüße, Hannah

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  2. toller text! und vor allem ist er sowas von wahr.

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  3. Toller Post! Ich sehe das so:
    Im Internet machen wir Werbung für uns selbst, und die Währung ist Aufmerksamkeit.

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